Ich bin ein Kosmonaut,
der den Himmel vor Planeten nicht gesehen hat.
All die bunten Nebel verdeckten mir die Sicht.
Was macht das schon, dachte ich,
wenn man keinen Heimatplaneten hat,
wenn da draußen acht Milliarden Sterne sind.
Bei Überlichtgeschwindigkeit kann man die Schönheit
der Sterne nicht genießen.
Wozu den Himmel kartographieren,
wenn deine Augen voller Meere sind.
Wir sind wie Verschworene am Weltenrand
und erst mit dir beginnt im Raum die Leere aufzudecken,
was wirklich wichtig für mich ist.
Erst mit dir gewinnt der Ton die Stille.
Wo ist der Hund, Augusta,
der die große Nase im Bücherhaufen wälzt.
Ich hatte diesen kleinen, weißen, leisen Hund,
der mir des Nachts die Weisheit bellte,
er muss hier doch irgendwo sein.
Er hatte oft zwei Bleistifte in den Nasenlöchern,
zerrte sie übers Papier, bis nichts blieb als Fetzen
Leben auf dem Boden.
Fetzenleben nannte er das, und sie waren niemals still;
diese Leben.
Wo ist der Umtreiberhund, der mit dem Leinen-los-Blick,
der mit den Raben tanzte, wenn die Dämm‘rung kam –
der, der die Nacht um die Ohren in Kauf nahm,
um kettenlos zu wandern, lichtlos Gassi.
Sag ihm, ich brenne lichterlos, mein Herz,
seitdem mir seine Worte fehlen.
Zwei Schritt vor und eins zurück,
steh ich unten ohne auf einer Bühne
und halte einen Vortrag vor große Publikum:
Über die Bedeutung von Handtüchern am Strand.
Ein Mann fragt, ob ich kurz einen Schritt beiseite gehen könne,
er fände meine unsichtbare Hose gar so toll.
Ich sag‘: Nur kluge Leute sehen diese Hose.
Gelächter. Sein Gesicht läuft rot an
und fällt dann ganz komisch ein,
als wäre seine Hose gerade aufgegangen.
Zwei Schritt zurück und eins vor,
tanze ich auf einer Falltür,
ohne Netz und jeglichen Boden.
Die Monster hinter dem Scheinwerfervorhang
baden mich in Angst.
Sie spielen ihre Spiele.
Pro richtiger Antwort darf ich einen Schritt vor,
für jede falsche zwei zurück.
Jetzt stellen sie Fragen
über den Sinn des Lebens.
Ihr Uhrenweichmacher!
Unter euren Fingern
wellen sich die Zeiger.
Euer Prinzip ist die Selbstbestätigung
und damit:
die Prinzipienlosigkeit.
Nichts als Schlamm
klebt an euren Händen,
wenn ihr die Sanduhr zerschlagt.
Ihr klopft die Zeit tot
wie ein weiches Schnitzel –
mit einem Teppichklopfer.
Es rinnt der Schlamm
durch eure Hände,
Uhrenweichmacher.
II:
Wolltest du nicht die Schlange sein,
die immer wieder aus ihrer Haut herauswächst
und sich noch die letzten alten Schuppen von den Knochen wetzt.
Hinterher ganz neu. Immer noch du,
aber irgendwie größer, besser, schlauer.
Bist du nur ein Mensch geworden,
der sich täglich neue Kleider webt,
Fasern des Vergessens um die eignen Fehler dreht,
psychologischer Infekt-Effekt-Defekt:
du bist normal.
I:
Hülle um
Hülle um-
hülle mich
wie eine warme Decke,
bis nichts mehr von mir bleibt.
Das Innere wird kleiner,
Schicht um Schicht
die schwereren Elemente,
bis zur Massenimplosion.
Als wupperzeit mich auf die Idee brachte, man könnte einen Monat lang in der Kolumne Menschen ihre Lieblingsseiten im Internet vorstellen lassen, dachte ich sofort, dass das eine tolle Idee ist. Leider hatte ich nicht vorhergesehen, was für eine schwierige Sache das für mich persönlich werden könnte.
Zunächst fragte ich mich, welche Seiten ich denn oft besuche. Neben keinVerlag fielen mir diverse Seiten ein, die andere Menschen sicherlich auch oft benutzen, E-Mail-Anbieter, Nachrichtendienste, die Universitätshomepage, meine eigenen Projekte, Facebook und so weiter – nicht wirklich zielführend, denn mir fiel auf, dass ich diese Seiten zwar mehr oder minder täglich aufsuche, allerdings scheinen mir die Motive eher pragmatischer Natur: auf dem Laufenden zu bleiben, einfache Kommunikationswege, nötige Alltagsinformationen wie Moduleinschreibungen – wo bleibt da die Wertschätzung, die im Begriff „Lieblings~“ steckt?
Wertschätzung! Das ist es, dachte ich, und begann, darüber zu sinnieren, was ich gerne tue. Apropos Motive. Da fällt mir ein, wieso es vielen Künstlern so schwer fällt, sich an Termine zu halten. Motivation wird unterschieden in extrinsische und intrinsische Motivation. Erstere beschreibt Motivation, die durch äußere Anreize getrieben ist, damit lassen sich zum Beispiel biologische Grundbedürfnisse wie Hunger und Durst oder soziale Grundbedürfnisse nach Anerkennung oder schlichtweg guten Noten ganz gut erklären. (Wie genau, dafür gibt es verschiedene Ansätze, die hier zu weit führen.) Im Gegensatz dazu steht von innen angetriebenes Verhalten (sogenanntes intrinsisch motiviertes Verhalten). Dieses lässt sich nicht auf äußere Bedürfnisse zurückführen.
Ein Beispiel dafür ist Spielverhalten. Spielen folgt keinem äußeren Antrieb. Kunst, zumindest sagte man mir so, wohl auch nicht. Menschen schlussfolgern daraus, so die Theorie, dass sie etwas „gerne“ tun, wenn sie es aus innerem Antrieb tun. Und da steckt der Kasus Knacktus: Forscher fanden heraus, dass Belohnung und Bestrafung dazu führen, dass das ursprünglich von innen getriebene Verhalten seltener gezeigt wird, nämlich nur, wenn Anreiz dazu besteht (und zwar von außen). Die Konsequenzen sind dramatisch: soll jemand den Spaß am Lernen behalten, sollte man ihn nicht dazu zwingen; Kinder sollten sich langweilen dürfen, denn zu viel Input (der letztlich in empfundenem Lob oder Tadel endet) mündet in geringerem Spieltrieb. Ihr Kind muss nicht mit sieben Beethoven spielen! Und, klingelt es? Richtig, wenn von einem kreativen Produkt Äußerlichkeiten abhängen wie Plattenverträge, Kolumnentermine, ... widerspricht das dem intrinsischen Geist der Sache. Gut, hätten wir also auch ein für alle Mal darüber nachgedacht, warum Kolumnenschreiben kein Zuckerschlecken ist. Das ist jetzt (wie in der Alltagspsychologie üblich) ein Beschluss, den es im Leben stets zu bestätigen gilt.
Was lerne ich daraus? Ja, ich studiere wirklich gerne, trotz Prüfungsstress, aber wie bringt mich das zu meiner Lieblingsseite? Ha! Musiker!
Ich dachte an all meine Lieblingskünstler, musste jedoch feststellen, dass ich deren Webauftritte stets auf der Suche nach konkreter Information durchforste. Wieder nichts. Doch dann, welch Heil, kurz vor 0 Uhr der rettende Einfall: als ich vor etwa einem Jahr auf der Bandseite von Wir sind Helden las, dass Judith Holofernes Gast bei TVnoir sein würde, betrat ich sie zum ersten Mal:
Link
Moderiert von dem einmaligen Tex Drieschner werden einmal im Monat zwei Künstler eingeladen, die Musiktalkshow (mittlerweile läuft sie auch auf ZDFkultur – warum schreiben die eigentlich ZDF groß und Kultur klein?) besteht zum großen Teil aus Interviews und musikalischen Einlagen der beiden Gäste. Jeder Gast muss zum Beispiel ein Cover spielen, das führt zu sehr interessanten Interpretationen. Außerdem gibt es ein paar sympathisch-schräge Einlagen: Pantomime oder die Rubrik „Das Leben ist ein Wunschkonzert“, bei der das Publikum Songtitel auf die Bühne ruft, welche die Künstler spontan interpretieren müssen. Jeder darf sich einen aussuchen in den 20 Sekunden, ansonsten winkt ein Strafsong, der meist in einer formidablen Blamage enden würde, weswegen er zu vermeiden ist.
Ich mag die Ursprünglichkeit in Humor, Intelligenz und Aufmachung dieses Projektes. Ich besuche die Seite nicht oft, sondern nur, um die Shows zu gucken, oder ein Ticket für die TVnoir-Konzerte zu erwerben (Geheimtipp!), doch jedes Mal gebe ich gerne „TVnoir.de“ im Adressfeld ein und drücke Enter.
In diesem Sinne: Ich wünsche Ihnen ein Konzert.
Und mir wünsche ich, dass andere Menschen ihre Lieblingsseiten mit uns teilen möchten.