Viele Bildkünstler sagen unabhängig voneinander, dass sie nur nachzeichnen – nur die Bilder „sichtbar machen“, die das Papier schon in sich trägt. Aber was hinterlässt da seine Spuren auf dem weißen Untergrund, oder besser: Was hinterlässt seine Spuren in den Künstlern? Es handelt sich wohl um Projektionen – intellektuelle, aber vor allem emotionale: Sehnsüchte, Gefühle, aber eben auch Gedanken. Wie das genau vonstattengeht, liegt momentan noch außerhalb des wissenschaftlichen Verständnisses, obwohl es einige theoretische Ansätze gibt und Experimente, die zeigen, dass Künstler sehr assoziativ arbeiten und die Kreativität in der Vielfalt dieser Heranziehungen liegt. Am ehesten ist das wohl mit dem Begriff der Fantasie umschrieben.
Diese Fähigkeit, „Bilder“ durch Herausstellen von wesentlichen Eigenschaften zu entwickeln (unabhängig davon, welches Medium man sich wählt), nennt man Abstraktionsvermögen. Was dabei als wesentlich gilt, ist sowohl vom Künstler als auch vom Rezipienten abhängig. Ebendiese Art zu denken, gilt als eine der wesentlichen Eigenschaften des Menschen. Die Künstlerischen Therapien gehen davon aus, dass diese Ausdrucksmöglichkeit eine Art Menschheitsgabe ist, die grundsätzlich jedem Menschen offen steht.
„Heimlich tut jeder, was er am besten kann.“, beginnt ein Song der Freiburger Band Tele. Das trifft allzu oft auf kreatives Schaffen zu. Jeder hat auf irgendeine Weise Ideen, sich künstlerisch mitzuteilen, allerdings trauen sich nur wenige Menschen, sie auch zu Ende zu denken oder gar auszuführen. Dabei ist vom handwerklichen Anspruch der intellektuellen Kunstszene noch nicht die Rede.
Wer schreiben kann, der schreibt Gedichte, Briefe, Geschichten oder ganze Bücher. Wer malen oder zeichnen kann, schafft Bilder, Gemälde oder einfach nur kleine Figürchen auf Glückwunschkarten. Musik kann ebenfalls Medium sein und ein sehr starkes wohl. Das Wesentliche ist die Umwandlung des inneren Erlebens in etwas Äußerliches, mit dem andere Menschen und auch der Künstler selbst in Interaktion treten können. Einmal hab ich einen Schlosser gesehen, der seiner Freundin ein Herz aus Metallteilen geschweißt hat, sie hat sich sehr gefreut. Der künstlerische Anspruch der Geste sollte wohl nicht überschätzt werden, dennoch sind Kunstwerke offenbar in der Lage uns direkt, auf einer affektiveren, emotionalen Ebene zu treffen. Besonders leicht geht das mit simpelsten Stilmitteln: so erlebbar in den Melodien von Kinderliedern oder in Kinderbüchern.
Vor allem für Musik lässt sich nachweisen, dass bereits sehr früh Strukturen im Gehirn dafür geschaffen werden, was harmonisch ist und was nicht. Dabei bilden sich, logischerweise, die Erwartungshaltungen des Gehirns aus den Konventionen des kulturellen Umfeldes heraus. (Die Theorien über das Warum und Wie würden an dieser Stelle zu weit führen.)
Ich kenne viele Menschen, die der Auffassung sind, es wäre nicht notwendig, sich in irgendeiner Form ausdrückend mit sich selbst auseinanderzusetzen. Ich glaube schon, dass das notwendig ist, womit allerdings auch der Ausbruch aus der oben erwähnten Heimlichkeit verbunden wäre. Etwas nach außen zu tragen bringt meist auch ein Verlangen mit sich, es jemandem zu zeigen, aber warum auch nicht. Das sichtbare Ergebnis eines künstlerischen Akts bietet die Möglichkeit der Reflexion, welche übrigens nach einigen gängigen Theorien eine Kernfunktion von Gesellschaft darstellt. Die durch das Feedback ermöglichte Weiterentwicklung gilt auch als ein möglicher Grund für den evolutionären Erfolg von Kunst in den Kulturen. Bereits von Urmenschen sind bildhauerische Arbeiten gefunden worden.
Der Wunsch nach einem Verstandenwerden, also das Mitteilungsbedürfnis, ist eine zentrale Emotion des Gesellschaftswesens Mensch. Das trifft jedenfalls auf den Großteil der Menschen zu. (Bekannte Ausnahme sind sicherlich Menschen mit sogenanntem „gestörten Sozialverhalten“, wobei mir dieser Begriff zu negativ konnotiert ist. Denn ob dauerhaftes, distanziertes Verhalten wirklich „krankhaft“ ist, sollte immer wieder kritisch hinterfragt werden und ist stark vom subjektiv empfundenen Leiden abhängig.) Gerade in Krisen wird es notwendig, sich auf ein inneres Identitätsbewusstsein verlassen und möglicherweise auf Hilfe von außen einlassen zu können. Was ist aber, wenn man in einer Identitätskrise steckt – worauf soll man sich stützen, wenn alle Ideen vom eigenen Selbst lediglich im Kopf existiert haben und nie auf irgendeine Weise nach außen getragen wurden? Es ist wie der berühmte Blick von oben auf das Schachbrett, der einem erlaubt, Dinge zu sehen, die keinem der beiden Spieler je auffallen würden; neue Perspektiven, Möglichkeiten, die Probleme lösen können. Ein altes Sprichwort sagt, dass ein Freund jemand ist, der einem die Melodie des Herzens vorspielt, wenn man sie selbst vergessen hat. Wie will denn, wer sie nie vorgespielt hat, die Noten nie verraten hat, sein eigenes Lied gezeigt bekommen? Das ist, zugegeben, eine sehr verklärte Metapher, die aber die Bedeutung von Kunst für den Einzelnen in meinen Augen sehr anschaulich wiedergibt.
Wenn die Kreativität also eine Form der inneren Krisensitzung darstellen kann, wie würde man sie nennen, je nach der eigenen Veranlagung? Ein Musiker würde sicher von musikalischer Problemverarbeitung sprechen. Ein Maler könnte das Ganze als Seelenmalerei bezeichnen. Es geht also nicht um etwas, das nicht jeder tun könnte. Für die meisten hier würde wohl dann lyrische beziehungsweise literarische Krisensitzung das Ganze treffend beschreiben. Es ist ganz alltäglich und wahrscheinlich auch ein inneres Bedürfnis, dem man nachgehen sollte. Ich plädiere daher dafür, nicht jedes möglicherweise therapeutische Schriftwerk sofort handwerklich zu untersuchen, sondern zu versuchen, das daran festzumachen, welchen Anspruch der Künstler selbst an sein Schaffen hat.
It‘s always the same, it‘s always chasing the white rabbit through the labyrinth. It‘s always coming to the end and then finding wonderland and finally playing run and hide.
Suchen wir nicht alle nur den weißen Hasen? Jemanden oder etwas, das uns entführt, das uns kidnapped aus dem Alltag und so viel Lösegeld fordert, dass die Welt sich eingesteht, dass sie auf das eine Spielzeug verzichten kann. Die Jagd nach dem weißen Hasen ist auch verfassungsrechtlich längst als Grundrecht gewährleistet: „pursuit of happiness“. Doch wie oft stehen wir vor den Türen von Wunderland, haben das Türrätsel gelöst, denken „wonderful“, drehen uns um und gehen?
Man steht auf, unternimmt allerlei Anstrengung, um schließlich dressed up vor die Tür zu treten. Ready for Spiegelsaal. Outdoor ist gefährlich, deswegen gibt es dafür auch spezielle Schutzkleidung, man begegnet vielen Menschen. Viele Menschen sind schlecht geschliffene Linsen: man kann durch sie hindurch blicken, die Welt ein bisschen meinungsverzehrt betrachten und weitergehen. Einige sind Spiegel mit einem unmöglichen, tadelnswerten Drang, die Wahrheit zu zeigen. Sozusagen anti-business-as-usual-Menschen. Das ist das Wundervolle an ihnen und das Schmerzhafte. Für sie wurde wahrscheinlich der Raumanzug erfunden, mit verspiegeltem Visier. (Es gibt auch billige Sonnenbrillen, die diesen Effekt ansatzweise imitieren.)
Sollte so ein Mensch einem dennoch in die Augen blicken, würde er einen zwangsläufig berühren, die Welt würde aufbrechen und dieser Mensch in die Welt ein. Davon träumt der Jäger und davor hat er Angst.
It‘s business as usual but you cannot buy wonderland which unfortunately also means you cannot sell it. There is no run and hide.
Die Gesellschaft erwartet von dir, dass du dich kümmerst, sie braucht sich nicht um dich zu scheren, das würde sie zu sehr belasten, aber wenn du dich um dich selbst kümmern willst, solltest du für einen reibungsfreien Behördengang sorgen, im Gegensatz zu dünnem Stuhlgang dient der nämlich der Lebensqualität. Der Gesellschaft ist auch die Welt egal, die kannst du noch retten – in deinem nächsten Leben, dafür ist jetzt keine Zeit, denn du musst Quartalssteuern absetzen, dein Studium beantragen, und dich um deinen Einstieg in selbiges explizit selbst kümmern. Dir legt keiner mehr Informationen aufs Plastiktablett, dein Gedächtnis muss selbst sieben.
Werd’ erwachsen, mein Kind, du musst endlich lernen, deine Freiheit in Pflichten zu wiegen.
Meine Oma muss Mathematik studiert haben.
Sie hat schon vor 20 Jahren gesagt, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben – und dass jeder seine gerechte Strafe bekäme.
Kleine Sünden bestraft Gott gleich, sagte sie immer – und die statistische Wahrscheinlichkeit gibt ihr Recht.
Von all dem weiß meine Oma – freilich – alles und nichts, nichts und alles.
Sie hat 65 Jahre gelebt, das scheint empirisch genauso zu qualifizieren wie 10 Semester Mathematikstudium.
Wirklich erstaunlich.
(Aus keineJugend on Twitter – ein keinVerlag.de-Projekt)
The Sinnerman, lost in thoughts,
caressed some clouds
with his worn-out claws.
The knife, stained and rusty,
cannot remind anyone of danger,
can’t even remember how it felt,
can’t recall the joy of threatening
some pale-skinned girl.
Me and God, walking hand in hand,
I’m trying to cheer him up,
telling him it is not his fault,
that everything has not got anything to do
with him – that he doesn’t play any role,
but both of us know I’m lying,
and all the world seems aware of that fact.
And I really feel sorry for the little man on my side,
his wrinkled smile – I like him and wish
I could somehow ease his pain,
so I pray for him. My little prayer to god for good.
Und ein Sandwurf streckt den eigenartigen Kopf aus den Körnern, die ihm den Schlaf bereiteten. Mit merkwürdigen Fühlern malt er auf Meeressandkörnern Mahnmale für diesen denkwürdigen Ohrenblick. Seine Geburt aus bloßer Fantasie ist ein Großereignis der Natur. Als Maulwurf eingeschlafen – als sonderbare Kreatur aufgewacht, die nur an süßen Tagen schlummert. Luftlöcher, durch die Zeit fällt und ab und zu ein Mensch, lassen den Strand atmen, wo nur einen Sandwurf entfernt Kinder spielen. Mit offenen Augen hört er das Salz im Wasser perlen, wo für Scherben einer Sekunde ein Regenbogen sanft den Boden küsst.
Und eine Welle erzählt von schlafenden Fischen...
Es zieht im Wind den kleinen Stoffvorhang durchs Fenster. Er schnuppert an der großen, weiten Welt, die die Stadtluft zu ihm heraufträgt. Die Kreuzung weit, weit unten spendet ihm, hupend, Applaus und er genießt die Weite des Balkons. Dann schlägt das Fenster zu und ein in seine Träume vom Fliegenlernen, knebelt ihn, kettet ihn an und schnürt ihm die Fasern ab, bis keine mehr einen Hauch von Entspannung in sich trägt, bis er sich nicht mehr regt.
Die zerrissene Gardine vom Haus gegenüber – viele Balkone weit entfernt – sie gleicht einem Sternbild, das Voraussagen trifft und gerade erzählt sie dieselbe Geschichte. Welche Freiheit wohnt schon einem Stück Stoff inne, das von Haus aus angeleistet wird, und den Wind braucht, um eine Hand in den Regen zu strecken.
Hier hängt die Zivilisation an Fensterritzen Beweise auf für die Einsamkeit, die sie schafft, weil sie die Lagerfeuer verbietet, an denen man sich früher Geschichten erzählte. Weil sie Kinder hervorbringt, die Häuserschluchten schon als Landschaft empfinden, als Weite, als Unbegrenztheit, weil sie sich selbst entfremdet und verstümmelt – deshalb verhängt sie Fenster überhaupt.